Wie lange mag es her sein? 30 Jahre? 33 Jahre? Ich las das Buch kurz nach seinem Erscheinen 1983 in der „Edition Suhrkamp“, 50 Jahre zuvor war die französische Originalausgabe erschienen.

So liegt es jetzt auch vor mir: ein abgegriffener Suhrkamp-Band, der Rücken schon angebrochen, 260 Seiten und mit zahlreichen Eselsohren versehen. Was mich beim Wiederlesen von Anfang an interessierte: würden mir wohl die vielen umgeknickten Ecken Stellen im Text zeigen, die ich auch heute noch als (be)merkenswert ansehen kann? Oder gibt es ganz neue bemerkenswerte Stellen, wichtige Sätze, zu unterstreichende Ausdrücke? So begegnete mir gleich auf S. 14 die „Steilwand des Todes“! – vor 3 Jahrzehnten nicht wichtig genug für einen Knick in der Seite, heute ein Ausdruck, der mir gefällt, er veranschaulicht das Ohnmächtige unserer menschlichen Existenz.

Das Leben des Antoine Bloyé Das Leben des Antoine BloyéFür Nicht-Kenner des Buches ganz kurz zusammengefasst: das Buch erzählt vom Leben eines Eisenbahnarbeiters, Antoine Bloyé, 1864 geboren, der sich „hocharbeitet“, scheitert und desillusioniert stirbt – es heißt, Nizan erzähle hier das Leben seines eigenen Vaters.

In Rezensionen lese ich etwas von „Verrat“, Verrat an der Arbeiterklasse, den Antoine begeht, da er sich ins Kleinbürgertum hocharbeitet – so habe ich das Buch früher nie gelesen, aber heute sehe ich es, über viele Seiten hin wird die Arbeiterklasse beschrieben, ihr Schuften und Darben im Industriezeitalter, dagegen der sich von ihnen distanzierende Kleinbürger und die über allen stehenden Reichen; gegen Ende des Buches, als der nicht mehr arbeitende Antoine sich leer, nutzlos und einsam fühlt, heißt es, dass die wirkliche Einheit, die, die allem trotzen kann, die Einheit der Arbeiter ist. Aber aus dieser hat unser Protagonist sich durch seinen „Aufstieg“ entfernt. Mir fällt sofort Peter Weiß ein und die „Ästhetik des Widerstands“: Arbeiter besichtigen den nur unvollständig erhaltenen Pergamon-Altar und schöpfen gerade aus den fehlenden Teilen Kraft für ihren Widerstand. Eigentlich schön, diese Zeit der Ideale…

Ein sehr politisches Buch also; Nizan war politisch engagiert als Journalist und Schriftsteller und bis zum Hitler-Stalin-Pakt Mitglied der Kommunistischen Partei, aus der er dann austrat. Es ist aber auch eine Abrechnung mit den kleinbürgerlichen Lebensvorstellungen, die in einem kümmerlichen, trostlosen Rentenalter enden, in dem das Leben sich in seiner ganzen Sinnlosigkeit zu erkennen gibt und nur ein Warten auf den Tod ist.

Nizan war 28 Jahre alt, als das Buch erschien, sein Protagonist ist Anfang 60, als er stirbt; als ich das Buch las, war ich in Nizans Alter und alles, was Menschen im Rentenalter betraf, war so weit entfernt, dass es mich nicht wirklich schrecken konnte – nur so ein abenteuerliches Schaudern durchfuhr mich wie von fernen Naturkatastrophen… dass mich „der Atem des Nichts“ streifte, das konnte ich mir noch vorstellen. Dass die Absurdität des Lebens mich einmal so ergreifen könnte, dass ich Konsequenzen ziehen müsste, das wollte ich lieber nicht denken. Aber ich fand vieles in diesem Buch, was mir eindrucksvoll das Leben von Menschen beschrieb, deren Leben ich auf keinen Fall leben wollte: „ sie wissen nicht einmal, dass die Zeit verloren werden kann, inmitten all der lebendigen Dinge, die die Welt bevölkern.“. „Sie lassen sich von der unaufhaltsamen Bewegung der Ketten ihres Lebens mitschleifen.“

Nun bin ich selber bald so alt wie Antoine am Ende seines Lebens, das Buch habe ich über alle Umzüge hinweg immer wieder ein- und ausgepackt und ins Regal gestellt – es gibt eine Frage, die für mich Bücher eindeutig in mein Leben einordnet: wenn ich nur 10 Bücher behalten dürfte und mich von allen anderen trennen müsste, welche Bücher würde ich auswählen? Antoine Bloyé stand immer mit auf der Liste der Auserwählten, ohne Frage – jetzt muss ich feststellen, dass ich mich von ihm trennen könnte.