Das Städelmuseum in Frankfurt hat den Satz  „Es lebe die Malerei!“, den Matisse 1925 auf einer Postkarte an Bonnard schickte, zum Titel dieser schönen Ausstellung gewählt.

Henri Matisse (1869-1954) und Pierre Bonnard (1867-1947), dessen 150. Geburtstag sich morgen, am 3. Oktober, zum 150. Mal jährt, waren ab den 20iger Jahren des vergangenen Jahrhunderts befreundet, lebten beide in Südfrankreich, besuchten sich häufig und ließen sich vom Werk des jeweils anderen inspirieren.

Die Ausstellung mit ihren ca. 100 Exponaten beleuchtet Gemeinsamkeiten und Unterschiede, stellt Bilder mit ähnlichen Themen nebeneinander, lässt die unterschiedliche Malweise erkennen.

Während Matisse von Zeitgenossen stets als „modern“ angesehen wurde, galt Bonnard eher als künstlerisch rückwärtsgewandt, ein letzter Impressionist: lockere Pinselstriche, das Dargestellte oft konturlos, ineinander verschwimmend, eine Vorliebe für Pastellfarben. Matisse hingegen malte seine Bilder in kräftigen Farben, klar konturiert, eher heiter als düster.

„Modern“ auf seine Art ist allerdings auch Bonnard: in der Darstellung perspektivischer Verzerrungen, verwirrender Raumkonstruktionen und ungewöhnlicher Raumaufteilung; Gegenstände fließen rätselhaft ineinander – wie z. B. „Akt vor dem Spiegel“ – Bildräume erweisen sich, meist erst auf den 2. Blick, als unrealistisch – so seltsam wie z. B. das „Selbstportrait“ von 1930: Die Figur füllt nur die rechte Hälfte des Bildes aus, der Kopf scheint an den Tür- oder Fensterrahmen im Hintergrund zu stoßen, scheint dadurch geduckt, obwohl das realistisch betrachtet nicht möglich ist, das aber merkt man erst bei genauerem Hinsehen.

„Ein Gemälde von Matisse springt ins Auge. In ein Gemälde von Bonnard kann man nur langsam heineinfinden.“ (Antoine Terrasse, zitiert nach Einführungsheft zur Ausstellung, Städelmuseum)

Melancholisch und insichgekehrt wirkt dieses Selbstportrait, das Gesicht ist verschwommen, die nur als dunkler Klumpen erkennbare Hand hält vorne ein Kleidungsstück oder eine Decke zusammen, dazu die etwas geduckte Haltung – man möchte derjenige nicht sein!

Die ausgestellten winzigen Skizzenhefte (eigentlich Taschenkalender) Bonnards passen zu diesem Eindruck und lassen mich an Robert Walsers „Aus dem Bleistiftgebiet“ denken, Mikrogramme eines sich sehr zurücknehmenden Menschen.

Matisse hingegen fertigte seine Zeichnungen selbstbewusst gleich großformatig für den Verkauf an. Das hier ausgestellte Selbstportrait Matisse‘ (1906) ist, was den Aufbau betrifft, völlig unspektakulär: der Oberkörper ein bisschen schräg gesetzt, aber die Augen gerade heraus den Betrachter anblickend, dazu ein gestreiftes Hemd, ein wilder Bart, kräftige Grün- und Blautöne.

Welch ungewöhnliche Freundschaft!

[Bildern nach Ausstellungsende entfernt]